Unaufhörlich aktiv (Buchauszug aus Kapitel 3)

 

Aufmerksamkeit ist auch insofern fundamental für unser Erleben, als dass sie unaufhörlich anwesend, d.h. aktiv(iert) ist.

Sie ist immer oder ununterbrochen auf etwas gerichtet. Sie kann zwar den Inhalt ihrer Ausrichtung ständig oder sehr oft im Laufe eines Tages, einer Stunde, oder auch innerhalb einer Minute bzw. Sekunde, ändern, aber einen Inhalt, einen Gegenstand, hat sie immer. Will heißen, wir sind ununterbrochen auf etwas aufmerksam. Sogar während wir beim Schlafen träumen.

 

Ob wach oder im Traum, ob wir allein sind oder mit anderen, ob wir reden, oder anderen zuhören, ob wir körperlich oder geistig aktiv sind, ob wir überhaupt etwas tun oder sogar gar nichts(!) tun; wir sind ständig aufmerksam auf etwas. Und das heißt nicht, dass wir nur auf Gedanken und Bilder in unserer Vorstellung aufmerksam sind, sondern auch auf Empfindungen und auf ganz unterschiedliche körperliche Zustände; oder auf die verschiedensten Emotionen; sogar auf manchmal sehr subtile, sehr feine, unfassbare und unaussprechliche Erlebnisse...

 

So könnten wir vielleicht - so richtig nachgewiesen ist ja nichts; mindestens kann ich das hier nicht nachweisen - als die einzige Ausnahme unseren Zustand im tiefen Schlaf - oder einen "ähnlichen" Zustand wie z.B. das Koma - betrachten, währenddessen wir nicht auf etwas aufmerksam sind, vorausgesetzt wir träumen nicht, während wir im Koma liegen, oder es ist kein Koma, in dem irgendeine Ebene wachen Bewusstseins doch aktiviert ist.

 

Außer in den genannten Fällen gibt es nur noch wenige Ausnahme-Momente im wachen Zustand, in denen wir nicht auf irgendetwas aufmerksam sind. Solche Momente können während eines Wechsels unserer Befindlichkeit geschehen.

Wenn wir beispielsweise nach einer ziemlich langen geistigen Verausgabung in den rettenden Genuss einer Pause kommen und spüren wie die ganze gedankliche Anstrengung auf einmal in sich zusammenfällt... In so einem Entspannungsmoment kann die Erregtheit unserer Aufmerksamkeit so stark nachlassen, dass wir für mindestens kurze Momente – indirekt und im Nachhinein beobachtet – Gedankenlosigkeit erleben; unsere Aufmerksamkeit richtet sich nicht auf etwas und somit ist sie ...so gut wie "gar nicht da" oder bewegt sich nur extrem weich und unbemerkt.

Oder wenn wir aus einem tiefen Schlaf aufwachen und wir einen Moment brauchen, um geistig vollständig aktiv zu sein. In so einem Moment sind wir mit unserer gesamten körperlichen Energie noch halb in dem Schlafzustand. Während dieses Zustandes ist die erforderliche Aktiviertheitsspannung für die volle Funktionsfähigkeit unserer Aufmerksamkeitsaktivität noch nicht vorhanden.

Dieser Umstand bietet uns eine weitere Gelegenheit, zu empfinden, wie es ist, wenn unsere Aufmerksamkeit abwesend ist bzw. brachliegt. Wir ruhen und sind energetisch gewiss anwesend; wir bemerken nur gar nichts; wir bemerken nicht mal uns selbst!

Auch extreme Gefühle wie Angst oder ehrfürchtiges Staunen oder andere intensive (auch positive) Erlebnisse und Empfindungen im Allgemeinen, die gerade wegen ihrer Intensität unseren arbeitenden Geist zeitweilig außer Kraft setzen, sind in der Lage, unsere Aufmerksamkeit abzuschalten.

 

Der unaufhörliche Strom unseres Aufmerksamseins ist gleichbedeutend mit der Gesamtheit unserer Lebenszeit. Wie wir auf diesen Strom wirken können, wie wir sowohl seine Richtung als auch die Art seines Fließens beeinflussen können – das sind sich selbst stellende Lebensfragen.

 

Eine fragwürdige "Geburt" (Buchauszug aus Kapitel 5)

 

Eine sogenannte Störung scheint sich – in unseren metapostmodernen Zeiten – massiv auszubreiten. Na ja, zumindest wird sie massiv diagnostiziert...

Sie ist (wie wir in Teil III sehen werden) eine Störung der inneren Ruhe. Diese ist so an ihrer Wurzel gestört, dass sie starke bis bedenkliche seismische Auswirkungen auf eine unserer wichtigsten Fähigkeiten hat. Gemeint ist unser Aufmerksamkeitsvermögen. Gewöhnlich wird die besagte Störung der inneren Ruhe Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom oder Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung oder abgekürzt: ADHS genannt.

 

Schon in den Fünfzigern sprachen Wissenschaftler von mentalen Defiziten bei Personen, die trotz Aufforderung Schwierigkeit haben, aufmerksam zu sein. Später sprach man von minimaler Gehirndysfunktion und Hyperkinese (übermäßiger Bewegungsdrang). 1980 kreierte die Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft (APG) schließlich die Bezeichnung Aufmerksamkeits-Defizit-Störung (ADS) dafür. Doch 1987 sah die APG diese Störung auch als zusammengehörend mit Hyperaktivität; mit einem Zustand also, der ADS manchmal begleitet. Doch ADS und Hyperaktivität können auch isoliert auftreten. Wenn sie zusammen auftreten, so werden sie zusammen ADHS genannt: Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung. Jedoch wird heute unter ADHS (zusätzlich) auch ein unangemessen und unkontrollierbar impulsives Verhalten bzw. überhaupt eine Unfähigkeit verstanden, das eigene Verhalten zu kontrollieren...

 

Bei welchen Symptomen spricht man nun von ADS oder ADHS? Diese sind Vergesslichkeit, Ablenkbarkeit, Nervosität und Ungeduld, innere und äußere Unruhe, Impulsivität, Schwierigkeit, beim Arbeiten, Spielen oder Sprechen aufmerksam oder lange genug aufmerksam zu bleiben, Schwierigkeit, Anweisungen zu befolgen oder Aufgaben zu beenden, und im Allgemeinen ein unangemessenes soziales Verhalten.

Treten mindestens sechs dieser oder ähnlicher Symptome gleichzeitig auf und haben sie einen eindeutig problematischen Einfluss auf Bereiche wie Beruf, Schule, Alltagsbewältigung, menschliche Beziehungen oder soziales Verhalten, so spricht man, laut APG, von ADS oder ADHS.

 

Die Botschaft des ADHS

(Buchauszug aus Kapitel 13)

 

ADHS ist ein Segen, weil es uns unverblümt eine Not mitteilt, die gehört und verstanden werden will und muss. Es ist eine gesunde und dringende Reaktion auf die Selbst-Entfremdung, die uns (gesteuert oder unbeabsichtigt) die menschliche Weltentwicklung aufzwingen will.

Ein ADHS-Verhalten ist eine Reaktion psychisch gesunder Menschen, die gegen das, was faul läuft, einen entschiedenen Widerstand leisten. Ein ADHS-Verhalten ist ein innerer Schrei: "Liebe Welt, ich fühle mich nicht wohl in Dir und das beunruhigt mich zutiefst. Ich weiß nicht, was ich tun soll... Hilfe!"

 

Platon bringt‘s mit einfachen Worten auf den Punkt. Er spricht vom naturwidrigen Leben:

"Woher ferner die Krankheiten entstehen, ist wohl jedem einleuchtend. Da es nämlich vier Gattungen gibt, aus denen der Körper zusammengefügt ist, Erde, Feuer, Wasser und Luft, so ist es der naturwidrige Mangel oder Überfluss derselben sowie die Vertauschung der dem einen zukommenden Stelle mit einer ihm fremden."

Also führt nach Platon ein naturwidriges Leben zu einem Überfluss und/oder einem Mangel und/oder manchmal sogar einem falschen Gebrauch und daher auch zu einer Verwirrung von Lebenskräften. 

ADHS ist eine solche grundsätzliche Verwirrung bzw. ein fehlerhaftes Mischverhältnis natürlicher Lebensenergie.

ADHS ist das Ergebnis einer Lebensweise, die von einer Vielzahl von Unnatürlichkeiten bombardiert und verunreinigt wird.

 

Erwachsene ADHS-Betroffene können vielleicht selbstständig, vielleicht mit einer gewissen Hilfe von anderen, sich des ADHS-Geschehens bewusst werden. 

Kinder und Jugendliche, die von ADHS betroffen sind, brauchen jedoch fast immer die Hilfe, das Wissen und die Unterstützung der Erwachsenen.

In beiden Fällen kann ADHS in seiner "Negativität" vollständig aufgelöst und in seiner "Positivität" vollständig kontrolliert werden. 

Und zwar auf natürliche Weise, indem die Quellen unserer Aufmerksamkeitskraft – existenzielle Wirklichkeit, seelische Genährtheit, energetisches Gleichgewicht, geistige Klarheit und organismisches Handeln – gereinigt und entstört werden, so dass ihr sich selbst aufrechterhaltender Zyklus natürlicherweise fließt und sich durch ein fühlendes Leben nährt.

Werden bei Reinigung und Entstörung dieser Quellen die Gesetzmäßigkeiten der Natur missachtet, so  wird sich ADHS nicht auflösen.

 

Das ADHS-Geschehen ist ein starker Hinweis auf die Notwendigkeit, über den wahren Inhalt der Begriffe 'Natur', 'natürlich' und 'Störung' zu meditieren und zu kontemplieren, ihn durch wahre Wissenschaft und tiefes Verständnis zu durchdringen und ihm durch ein wahrhaft natürliches Leben gerecht zu werden. 

Damit hätten wir gleichzeitig nicht nur die Lösung für ADHS, sondern bedeutend mehr. Wir stünden schon mit einem Fuß im Reich der Fülle.